In der Folge möchte ich einige grundlegende psychologische Phänomene aufführen, die mir immer wieder in der therapeutischen Arbeit begegnen und psychisches Leiden erklärbar machen.

Erfahrungen

Erfahrungen bestimmen neben unserer genetischen Ausstattung und unserem biologisch weitgehend determinierten Temperament, wie wir uns entwickeln. Das bedeutet, dass aus der Interaktion zwischen dem Organismus und seiner Umwelt Erfahrungen resultieren, die wiederum seine Interaktion mit der Umwelt beeinflussen usw.

Frühe Lernerfahrungen, die bereits im Mutterleib ihren Lauf nehmen, sind deswegen häufig so prägend, weil sie auf einen Organismus treffen, der noch über wenig Vorerfahrungen verfügt. Sie füllen gewissermaßen eine relativ „leere Festplatte“. Damit haben sie prinzipiell einen wesentlich stärkeren Einfluss, als spätere, identische Lernerfahrungen, da diese bereits auf einen mehr oder weniger großen Fundus an Vorerfahrungen treffen.

In diesem Zusammenhang erklärt sich, warum das sogenannte „Urvertrauen“ in der Psychotherapie immer wieder eine bedeutsame Rolle spielt: Es basiert auf den initialen Bindungserfahrungen des Säuglings. Sind diese beruhigend und nicht-ängstigend, so entwickelt sich ein Erfahrungsschatz des Vertrauens, der zukünftige Interaktion entsprechend beeinflusst und wächst, sofern nicht tiefgreifende, entgegengesetzte Erfahrungen gemacht werden.

Diese Erfahrungen sind insofern unbewusst, da sie in einer Zeit gemacht werden, in welcher der menschliche Organismus in seiner Hirnentwicklung noch nicht über die Fähigkeit verfügt, die Erfahrungen kognitiv, also bewusst abzuspeichern und zu verbalisieren. Sie können nicht im deklarativen Gedächtnis gespeichert werden. Die Erfahrungen werden aber dennoch gemacht und (wie bei allen Säugetieren) emotional gespeichert. Im Allgemeinen gilt unser gesamtes Leben lang, dass wir emotional starke Erfahrungen wesentlich besser speichern und erinnern können als „neutrale“ Erfahrungen und unangenehme Gefühle hierbei nochmals deutlich besser gespeichert werden als angenehme.

Somit „zeigen“ sich die gemachten Erfahrungen in Form unserer Gefühle. Insbesondere die Emotionen Angst, Scham, Schuld, Ärger und Verzweiflung erscheinen mir persönlich in diesem Kontext besonders relevant, da sie in starkem Ausmaß Einfluss auf unser Handeln nehmen können und dieses Gefahr läuft, „korrigierende Lernerfahrungen“ zu verunmöglichen.

Korrigierende Lernerfahrungen

Verhaltenstherapie zielt stark darauf ab, dass der Patient sogenannte korrigierende Lernerfahrungen macht. Dies sind neue Erfahrungen, die den bisherigen Erfahrungen und daraus entwickelten Erwartungen der jeweiligen Person widersprechen, was in einer bestimmten Situation passieren wird.

So wird jemand, der in seiner Kindheit die Erfahrung gemacht hat, bei oppositionellem Verhalten häufig verbaler und körperlicher Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein, stark dazu geneigt sein, in ähnlichen gegenwärtigen Situationen erneut Strafe zu erwarten und immer zu tun, was ihm gesagt wird. So kann er nicht die korrigierende Lernerfahrung machen, dass er sich in der Gegenwart wehren kann und „Nein“ sagen darf. Er muss therapeutisch also dazu ermutigt werden, sich solchen Situationen zu stellen und das neue, ungewohnte und angstbesetzte Verhalten zu zeigen.

Operantes Lernen

Operantes Lernen ist das Lernen aus den Konsequenzen unseres Verhaltens. Sind diese Konsequenzen angenehm, so spricht man von „Verstärkung“. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man das Verhalten in Zukunft erneut an den Tag legt. Hierbei wird sogenannte positive und negative Verstärkung unterschieden.

Von operanter „Bestrafung“ spricht man, wenn die Konsequenzen des Verhaltens unangenehm sind. Die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass ich das Verhalten an den Tag lege.

Diese Art des unwillkürlichen Lernens ist ein Grundpfeiler der Verhaltenstherapie. Insbesondere die sogenannte „negative Verstärkung“ spielt in dem verhaltenstherapeutischen Verständnis vieler psychischer Störungen eine zentrale Rolle. Von negativer Verstärkung spricht man, wenn ein Verhalten die Konsequenz hat, dass etwas Unangenehmes nachlässt. Z.B. Alkohol- und Drogenabhängigkeit lassen sich hierüber sehr gut erklären: Der Betroffene macht die Erfahrung, dass der Alkoholkonsum zu einer Enthemmung führt (er kann besser auf Andere zugehen, tanzen etc.) und seine Probleme weniger belastend erscheinen. Das heißt, die unangenehmen Gefühle von Gehemmtheit und Niedergeschlagenheit lassen kurzfristig nach. Unser Gehirn speichert diese sogenannten Reiz-Reaktions-Muster und ruft sie zunehmend leicht ab. Langfristig resultiert dann das Risiko, in entsprechenden Situationen starker Gehemmtheit oder Niedergeschlagenheit vermehrt zum Alkohol zu greifen und zunehmend abhängig vom Suchtmittel zu werden.

Emotionale Netze

Dieser Begriff ist mir erstmals durch die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) begegnet. Er bezeichnet das Phänomen, dass jede Emotion ein Netz, bestehend aus emotionsspezifisch veränderten Wahrnehmungen, Kognitionen (Denken), Körperreaktionen und einem resultierenden Handlungsdrang aktiviert. Beispielsweise aktiviert Angst eine Wahrnehmungsfokussierung auf potenzielle Bedrohungen; Kognitionen, die sich um mögliche Gefahren drehen; physiologische Reaktionen, die den Organismus auf Flucht oder Kampf vorbereiten (z. B. erhöhter Puls & erhöhte Atemfrequenz, Schwitzen, etc.); und einen Handlungsdrang zu fliehen. Emotionen führen also zwangsläufig zu einer Verzerrung des Denkens und provozieren Handlungen, die spezifisch emotionsbezogen sind (Angst à Flucht, Ärger à Angriff, Ekel à Übelkeit/Übergeben, etc.).

Affektbrücken

Der Begriff wurde von John Watkins 1997 geschaffen. Er beschreibt die assoziative Verbindung zwischen einer in der Vergangenheit liegenden Ausgangssituation und einer gegenwärtigen (Trigger-) Situation, die mit gleichen oder ähnlichen Gefühlen und damit einhergehenden körperlichen Empfindungen verknüpft ist.

So kann z.B. ein Mann, dessen Vater sehr häufig herrisch und autoritär ihm gegenüber aufgetreten ist und gegenüber dessen Ärger und körperlicher Überlegenheit er sich häufig ausgeliefert gefühlt hat, in einer Situation, in der sein Vorgesetzter sich ebenfalls herrisch verhält, die alten Gefühle von Ausgeliefertheit und Ohnmacht erleben.

Affektbrücken treten erfahrungsgemäß bei uns allen auf. Man kann sie auch als Selbstheilungsversuch unserer Psyche interpretieren. Denn durch das erneut hervorgerufene Gefühl, welches z.B. auch durch Geschichten in Büchern oder Filmen reaktiviert werden kann, zeigt uns unsere Psyche, sofern wir in der Lage sind, dem Gefühl in die Vergangenheit zu folgen, wo ein unverarbeiteter seelischer Schmerz liegt.

Problematisch werden sie hingegen, wenn die Betroffenen nicht erkennen, dass es sich um ein altes Erleben handelt und aus dem getriggerten (alten) emotionalen Netz heraus handeln. In obigem Beispiel könnte dies bedeuten, dass der Betroffene versucht, alle Forderungen des Chefs bedingungslos zu erfüllen und zunehmend über seine eigenen Belastungsgrenzen geht. Ein depressiver Erschöpfungszustand in Folge eines Burnout-Prozesses könnte die Folge sein.

Es fällt auf, dass viele neue Ansätze der Behandlung von Menschen, die durch starke Affektbrücken in ihrem Alltagsleben beeinträchtigt werden, darauf abzielen, sie imaginativ in die alten Situationen zu führen und sie dann zu befähigen, einen positiven Ausgang der Situationen herbeizuführen (Schematherapeutische Imaginationsübungen, Imagery Reprocessing and Reprocessing Therapy (IRRT), Somatic Experiencing, Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR)).

Auch dem von Sigmund Freud als erstem beschriebene Phänomen der „Übertragung“ liegen Affektbrücken zugrunde: Der Patient „überträgt“ kurzgefasst alte Beziehungserfahrungen mit seinen primären Bezugspersonen auf den Therapeuten oder andere Bezugspersonen und erwartet von diesen ein ähnliches Verhalten.

Angstgeneralisierung

Letztlich beruht Angstgeneralisierung auf Angst-Affektbrücken. Angst hat eine emotionsimmanente Neigung, auf andere, der ursprünglichen Gefahrensituation ähnliche Reizkonstellationen überzuspringen bzw. zu generalisieren. Der Betroffene wird dann in der Folge nicht nur Angst vor Fahrstühlen haben, sondern potenziell auch vor öffentlichen Toiletten (Kabinen), Kellerräumen und möglicherweise sogar Situationen, aus denen eine Flucht spontan nicht möglich ist (Menschenmengen, Autobahnen bzw. noch stärker Baustellen auf Autobahnen oder Autobahntunneln, Zugfahren, Busfahren, Flugreisen etc.). Man geht davon aus, dass dies eine evolutionäre Funktion hat, damit von spezifischen Gefahrensituationen intuitiv Generalisierungen auf andere Situationen erfolgen und so das Überleben der Art wahrscheinlicher ist.

Sauberes und schmutziges Unbehagen

Aus der Akzeptanz- und Commitment Therapie (ACT[1]) stammt diese Unterscheidung. „Sauberes Unbehagen“ gehört zum Leben. Es ist der natürliche seelische Schmerz der z.B. beim Verlust eines nahestehenden Menschen auftritt. „Schmutziges Unbehagen“ wird demgegenüber hervorgerufen, wenn wir gegen sauberes Unbehagen ankämpfen.

Trauer kann z.B. den Impuls hervorrufen, den der Trauer zugrundeliegenden Verlust zu verleugnen und somit gegen dessen Realisierung anzukämpfen. Das schmutzige Unbehagen besteht dann darin, in der Verleugnung der Realität zu verharren und in Situationen, in denen der Verlust wieder in das Bewusstsein rückt (z.B. wenn jemand sein Beileid bekundet) immer wieder aufs Neue den Schock des Verlusts zu erleben.

Angst kann Gedanken hervorrufen wie „Warum ist da dieses schreckliche Gefühl schon wieder; ich will das nicht haben!“. Er resultiert noch mehr Angst. Hierauf könnte man denken „Wieso kommt sie immer wieder? Das kann doch nicht wahr sein!“. So würde zu der Angst noch Ärger hinzukommen. Vielleicht denkt man sogar „Was mache ich falsch, dass diese Angst immer wieder kommt?“ und fühlt sich noch zusätzlich schuldig. So wird das ursprüngliche „saubere Unbehagen“ der Angst immer stärker durch zusätzliche unangenehme Gefühle von weiterer Angst, Wut, Schuld usw. potenziert und verwandelt sich in „schmutziges Unbehagen“.

Ich-Syntonie und Ich-Dystonie

In der Persönlichkeits(-störungs)forschung ist diese Unterscheidung sehr wichtig und sie hat starke Implikationen für die therapeutische Arbeit. Gedanken, Gefühle und Handlungsimpulse, die ich-synton sind, werden von der Person als zu sich gehörig und „normal“ angesehen. Sind sie demgegenüber ich-dyston, so werden sie als störend, problematisch oder „anormal“ von der Person selbst eingeschätzt. Manche psychischen Störungen sind stark ich-synton: Bspw. narzisstische und zwanghafte Persönlichkeitsstörungen, Anorexie, manche Zwangsstörungen, häufig Substanzmissbrauch und -abhängigkeit und Störungen aus dem schizophrenen Formenkreis. Andere Störungen sind ich-dyston: Bspw. Depressionen, Angststörungen, selbstunsichere und Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Bei ich-syntonen Störungen muss häufig der erste Behandlungsschritt in der Entwicklung von Therapie- und Änderungsmotivation bestehen, da der Betreffende in der Regel gar kein Problem in seinem Verhalten sieht bzw. nicht die Verbindung zwischen seinem Verhalten und den unangenehmen Konsequenzen herstellt.

Realitätsprinzip vs. Lustprinzip bzw. der Umgang mit kindlichen Impulsen

In der tiefenpsychologischen Theorie geht man von mehreren Grundkonflikten aus, die in der Natur des Menschseins liegen. Einer dieser Konflikte besteht zwischen Realitäts- und Lustprinzip. Schon als Kleinkinder und sogar Säuglinge müssen wir die Erfahrung machen, dass wir nicht alles bekommen, was wir wollen. Das heißt, unsere Bedürfnisse stoßen an die Grenzen des Möglichen bzw. durch die Eltern Erlaubten. Durch diese Grenzsetzungen unserer Umwelt („Realität“) machen wir Erfahrungen der Frustration unserer Bedürfnisse („Lust“).

Diese Frustrationserfahrungen führen naturgegeben zu aggressiven Impulsen des Kindes. Der Umgang des Umfeldes mit diesen Impulsen und den zugrundeliegenden Bedürfnissen des Kindes prägt dessen Erwartungen, wie in Zukunft mit seinen Bedürfnissen umgegangen wird.

Dies kann Ursache für die Entstehung psychischer Störungen sein: Beispielsweise werden Menschen, die unzureichende Erfahrungen gemacht haben, dass ihre Bedürfnisse und Impulse adäquat begrenzt und frustriert wurden, überhöhte Ansprüche und Erwartungen an ihre Umwelt richten. Desweiteren werden sie nur unzureichend in der Lage sein, ihrem inneren Lustprinzip selbstständig eine adäquate Orientierung an der Realität und langfristigen vernunftgeleiteten Erwägungen entgegenzusetzen. Die betroffenen Patienten leiden häufig unter Schwierigkeiten, ihren Alltag ausreichend zu strukturieren, pünktlich und überhaupt zu bestimmten (unangenehmen) Terminen zu erscheinen, langfristig notwendige Aufgaben zu bewältigen und weisen außerdem ein deutlich erhöhten Risiko für Suchterkrankungen auf. Langfristig treten häufig weitere psychische Störungen (z.B. Depressionen) die aus der erlernten Hilflosigkeit im Umgang mit den Herausforderungen der „Realität“ resultieren.

Umgekehrt besteht das Risiko bei übermäßigen biographisch erlebten Grenzsetzungen, dass die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und Individualität gehemmt wird. Die betroffenen Personen haben einen nur ungenügenden Zugang zu ihren Bedürfnissen, weil Andere vornehmlich entschieden haben, was sie zu wollen und nicht zu wollen haben. Oft leiden sie auch unter Entscheidungsschwäche, wissen nicht was sie wollen (und manchmal auch wer sie eigentlich sind) und fühlen sich von Menschen angezogen, die (erneut) bestimmen, was sie zu tun und zu lassen haben.

Dieser Konflikt erweist sich meiner Erfahrung nach bei bestimmten Patienten insbesondere auch im Kontext des unten aufgeführten Arretierens in Entwicklungsphasen als sehr bedeutsam.

Verlustaversion

Verlustaversion ist ein Bestandteil der Neuen Erwartungstheorie, die 1979 von Kahneman und Tversky aufgestellt wurde. Man kann grob davon ausgehen, dass Verluste und verallgemeinert negative Erfahrungen im subjektiven Erleben ungefähr doppelt so stark gewichtet werden wie Gewinne bzw. positive Erfahrungen.

Dies führt im psychotherapeutischen Kontext unter anderem dazu, dass negative Lebensereignisse deutlich besser erinnert werden können und auch stärkeren Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung haben, als positive. Des Weiteren erklärt die Verlustaversion die Neigung des Menschen, trotz neuer Erkenntnisse an alten Überzeugungen und Regeln festzuhalten. Die Angst vor Verlust (von Sicherheit und gewohnten Umgebungen bspw.) wiegt somit grundsätzlich schwerer als die Antizipation von Verbesserungen. Dies erklärt unter anderem unsere so menschliche Schwierigkeit, uns trotz deutlichen Leidensdrucks auf Veränderung einlassen zu können.

System 1 und System 2

Auch diese Unterscheidung basiert auf den Forschungen und dem diese zusammenfassenden Buch von Daniel Kahneman „Schnelles und langsames Denken“. In der Neurowissenschaft und Kognitionsforschung wird hierbei das schnelle, instinktive und emotionale System 1 und das langsamere, Dinge durchdenkende und logischere System 2 voneinander unterschieden.

Auch wenn mir klar ist, dass ich hiermit wahrscheinlich bei einigen Lesern viel Unmut wecken werde, glaube ich, dass die von Freud ins Leben gerufene Unterscheidung von Unbewusstem und Bewusstem hiermit obsolet geworden ist. Das „Unbewusste“ scheint mir identisch mit System 1 zu sein. Denn das einhergehende „Denken“, so man es überhaupt als solches bezeichnen kann, da es geradezu regelhaft bewusstseinsfern und somit kaum in Worte zu fassen ist, läuft automatisiert, intuitiv und extrem schnell ab. Es ist einerseits geprägt von Vorerfahrungen und andererseits von unüberlegten Schlussfolgerungen, die es sowohl fehleranfällig als auch überlebenswichtig machen. Fehlprogrammierungen und resultierende -Funktionen des System 1 erklären meines Erachtens eine Vielzahl psychischer Störungen.

All das Mystische, dass sich zur Lebenszeit von Freud und dem Beginn der Erforschung der menschlichen Psyche noch in ihr zu verbergen schien, wird mit fortschreitender Forschung zunehmend entmystifiziert. So auch das Unbewusste. Schon in der verhaltenstherapeutisch hoch relevanten Unterscheidung zwischen limbischem System (ebenfalls System 1) und präfrontalem Kortex (System 2) fand diese Entmystifizierung zunehmend statt und der Begriff des Unbewussten wurde (verhaltens-)therapeutisch irrelevant, ohne dass (spätestens ab der dritten Reformationswelle der Verhaltenstherapie) hierdurch ein Qualitätsverlust der psychotherapeutischen Arbeit auftritt. Viele der freudschen Erkenntnisse haben dennoch einen zumindest partiellen Bestand. Sie sind in die neueren Theorien integriert. So zum Beispiel auch, dass sich plausiblerweise unser System 1 besonders stark in unseren Träumen zeigt (wenn unser System 2 (außer möglicherweise beim luziden Träumen) abgeschaltet ist).

Therapeutisch erscheint es extrem wichtig, sich die Unterscheidung zwischen System 1 und 2 als Basis allen psychotherapeutischen Handelns klar zu machen. 90% unseres Handelns basiert auf System 1. Auch dysfunktionale Grundüberzeugungen bzw. biographisch erworbene Glaubenssätze gehören zum System 1. Nur 10% unseres Handelns beruht auf System 2. Ersteres erfordert verhältnismäßig wenig Energie und keinen konzentrativen Aufwand. Letzteres verbraucht viel Energie und ist somit wesentlich anstrengender. Psychotherapie muss meines Erachtens das System 2 eines jeden Menschen direkt adressieren. Somit ist auch Psychotherapie oft sehr anstrengend. Nur das System 2 kann im engeren Sinne verstehen. System 1 macht Erfahrungen. Auf Basis der im System 2 gewonnenen Erkenntnisse muss es sodann darum gehen, die „Fehlprogrammierungen“ des System 1 zu erkennen und durch neue Erfahrungen zu verändern.


[1] In einer Metapher aus ACT mit dem Titel „Kampfschalter“ wird diese Unterscheidung sehr gut vermittelt